Zu Besuch bei Manuel Niederhäuser, Leiter Verhandlungsgruppe
Manuel Niederhäuser leitet die Verhandlungsgruppe der Kantonspolizei St.Gallen. Im Gespräch erläutert er den Zweck und die Aufgaben dieser Gruppe sowie die Herausforderungen, die Verhandler im Einsatz antreffen.
Manuel, weshalb braucht es eine Verhandlungsgruppe und wie dürfen wir uns die Aufgabe dieser vorstellen?
Manuel Niederhäuser: Anfang der 90er Jahre wurde die Sonderfunktion in St.Gallen ins Leben gerufen, nachdem Erfahrungen in Deutschland (Geisellage Gladbeck) gezeigt haben, dass dieser Bereich in der Schweiz nicht abgedeckt ist. Unsere Aufgabe besteht also in der Kommunikation in Geisel-, Krisen- und Bedrohungslagen sowie bei Suizidandrohungen. Weiter übernehmen wir die «Y-Betreuung», kümmern uns also um Angehörige bei Erpressungen oder Entführungen.

Wie viele Einsätze gibt es bei euch jährlich und wie sehen diese Einsätze aus?
Manuel Niederhäuser: Pro Jahr kommt es in unserem Korps etwa zu vier bis acht Einsätzen. Meistens handelt es sich um sogenannte «Krisentäter», also Personen, die verzweifelt oder mit der momentanen Situation überfordert sind. Suizidgefährdete Menschen werden oft schon von der uniformierten Frontpolizei betreut. Unsere Mitarbeitenden werden für solche Situationen schon in der Polizeischule im Rahmen einer Erstsprecher-Ausbildung geschult. Im Sinne der Verhältnismässigkeit ist es wichtig, immer zuerst das mildeste Mittel, also das Gespräch, einzusetzen..
Welcher Fall ist dir besonders in Erinnerung geblieben und warum?
Manuel Niederhäuser: Der tragische Einsatz in Rehetobel, bei dem zwei Polizisten mit einer Schusswaffe schwer verletzt wurden, bleibt natürlich hängen. Der Versuch, den Täter zur Aufgabe zu bewegen, gestaltete sich sehr schwierig und beim polizeilichen Zugriff kam es zum Suizid. Das Ziel des Verhandelnden bleibt immer, weitere Gewalthandlungen möglichst zu verhindern, was damals leider nicht gelang.
Was fasziniert dich besonders an deiner Aufgabe?
Manuel Niederhäuser: Es ist die Kombination von menschlichen Verhaltensweisen und polizeilichem Denken, die diese Funktion so spannend machen. Wir versuchen, den Zugang zum Menschen zu finden. Dies gelingt, indem man Verständnis für die Situation aufbringt, in der sich die Person befindet. Verhandlerinnen und Verhandler müssen empathische Menschen sein, welche vorurteilsfrei versuchen, schwierige Situationen oder Personen zu deeskalieren.
Wer entscheidet darüber, ob auf Forderungen eingegangen wird?
Manuel Niederhäuser: Die Entscheidungsgewalt liegt immer bei der Einsatzleitung. Wir sind nur das polizeiliche «Sprachrohr» und zugleich in beratender Funktion tätig. Forderungen sind von einer Zigarette bis zu einem Geldbetrag möglich. Den klassischen Geldkoffer mit Fluchtwagen gibt es jedoch praktisch nur im Film.
Wo eignet ihr euch dieses Fachwissen an und wie viele Verhandlerinnen und Verhandler gibt es?
Manuel Niederhäuser: Das Schweizerische Polizei-Institut bietet insgesamt vier Kurse an. Dazu kommen korpsinterne Trainings. Bei der Kantonspolizei St.Gallen sind wir zurzeit elf Verhandlerinnen und Verhandler. Schweizweit werden es schätzungsweise um die 200 sein.
Was macht man, wenn die jeweilige Person kein Deutsch versteht?
Manuel Niederhäuser: Zuerst klären wir, ob es polizeiintern jemanden gibt, der die Sprache spricht. Ansonsten sind wir auf externe Dolmetschende angewiesen. Die Kommunikation wird dadurch schwieriger und wir müssen darauf achten, dass es zwischen der dolmetschenden Person und dem Gegenüber nicht zu einer Eigendynamik kommt. Das kann kontraproduktiv sein.
Wenn jemand mit einer Verhandlung beschäftigt ist, kann sie oder er vermutlich nicht einfach abgelöst werden, oder?
Manuel Niederhäuser: Im Normalfall bleiben die Verhandlungen bei der jeweiligen Sprecherin oder dem jeweiligen Sprecher, weil bereits eine Beziehung zur betreffenden Person aufgebaut wurde. Erst wenn es gar nicht harmoniert oder die Verhandlungen über eine sehr lange Zeit dauern, kommt ein Wechsel in Frage.
Werdet ihr jeweils über die nächsten Vorgehensschritte informiert, beispielsweise bei einem Zugriff durch die Interventionseinheit?
Manuel Niederhäuser: Die Lagelösung muss immer gemeinsam und in Absprache geschehen. Die involvierten Polizeikräfte müssen stets auf dem gleichen Stand sein, ansonsten kann es zu Missverständnissen kommen, welche für die Polizei sowie für das Gegenüber gefährlich werden können.

Habt ihr nach eurem Einsatz noch Kontakt zur betroffenen Person?
Manuel Niederhäuser: Oftmals ist die aktuelle Lage zwar gelöst, aber die persönlichen Probleme bestehen weiterhin. Es kam deshalb auch schon vor, dass sich danach das Bedrohungs- und Risikomanagement der Kantonspolizei St.Gallen einschaltete, um die Person weiter zu begleiten. Auf diese Weise sollen erneute Eskalationen verhindert werden.