Technik, Training, Tiefgang, Trimix: Polizeitauchende auf 65 Metern Tiefe im Einsatz
Taucheinsätze sind herausfordernd, doch wenn es um Tiefen von bis zu 65 Metern geht, wird aus Routine absolute Präzision. Die Tauchgruppe der Kantonspolizei St.Gallen hat sich dieser Herausforderung gestellt und eine spezialisierte Trimix-Gruppe aufgebaut. Mit modernster Technik, intensiven Trainingseinheiten und viel Teamgeist bereiten sich die Polizeitauchenden auf anspruchsvolle Einsätze vor. Ein Blick hinter die Kulissen einer der wenigen Polizeieinheiten der Schweiz, die über eine solche Gruppe verfügt.
Trimix-Tauchen: Sicher in grosser Tiefe
Die Trimix-Gruppe taucht mit einem speziellen Gasgemisch, dem sogenannten 18/45-Trimix:
– Sauerstoffanteil: 18 % (statt üblicher 21 %) zur Reduzierung der Sauerstoffvergiftungsgefahr
– Heliumanteil: 45 % zur Minimierung des Tiefenrauschs
– Einheitliche Ausrüstung für mehr Sicherheit und schnelle Notfallhilfe
Beim technischen Tauchen wird grosser Wert auf standardisierte Tauchtechniken gelegt. Die Fortbewegung erfolgt mit speziellen Flossenschlagtechniken, um die Sicht durch aufgewirbelte Sedimente nicht zu beeinträchtigen. Zudem tragen Taucherinnen und Taucher Zusatzflaschen mit 50% oder 100% Sauerstoff für eine schnellere und schonendere Dekompression. Ein Trimix-Tauchgang kann bis zu 90 Minuten dauern, oft in eiskaltem Wasser. Ein Heizanzug sorgt hier für Wärme.
Spezialtraining für extreme Einsätze
Die Tauchgruppe der Kantonspolizei St.Gallen erweitert kontinuierlich ihre Kompetenzen, um für anspruchsvolle Einsätze optimal vorbereitet zu sein. Durch regelmässige Schulungen und modernste Ausrüstung gewährleisten die Polizeitauchenden höchste Sicherheit und Effizienz bei ihren Missionen.
In den letzten Jahren haben sich sowohl Tauchtechniken als auch Einsatzszenarien stark weiterentwickelt. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, wurde die Grundausbildung bereits vor einem Jahrzehnt umfassend überarbeitet. Dank neuer Methoden in den Bereichen Sicherheit (z.B. Partnerrettung, redundante Systeme) und Effizienz (minimale Sedimentaufwirbelung, verbesserte Arbeitsweisen unter Wasser) konnte sich die Tauchgruppe optimal auf komplexe Einsätze vorbereiten.
Drei Spezialteams für gezielte Einsätze
Um die vielfältigen Herausforderungen zu bewältigen, ist die Tauchgruppe in drei spezialisierte Teams unterteilt:
Canyoning und Seiltechnik
Gerätetechnik (Sonar, Unterwasser-Roboter, Navigationsgeräte, etc.)
Trimix-Tauchen
Jedes Mitglied kann in den Bereichen Fliesswasser und Taucharbeiten bis 40 Meter Tiefe eingesetzt werden. Für die Arbeiten im jeweiligen Spezialgebiet kommen zusätzliche Ausbildungen und Schulungen hinzu.
Warum Trimix?
Bei Arbeiten bis 40 Meter Tiefe verwenden die Taucherinnen und Taucher herkömmliche Pressluft oder ein Nitrox-Gemisch (mit Sauerstoff angereicherte Luft). Geht es jedoch tiefer, kommt ein spezielles Gasgemisch namens Trimix (18/45 – siehe Infobox oben) zum Einsatz. Dieses Gemisch aus Sauerstoff, Stickstoff und Helium ermöglicht sicheres Tauchen bis zu einer Tiefe von 65 Metern und reduziert das Risiko von Tiefenrausch und Sauerstoffvergiftung. Ein Tauchgang in dieser Tiefe erfordert nicht nur körperliche und mentale Stärke, sondern auch ein hohes Mass an Vertrauen in die Ausrüstung und das Team. Die Taucherinnen und Taucher tragen zwei miteinander verbundene 12-Liter-Druckflaschen auf dem Rücken und nutzen zusätzliche Flaschen mit Sauerstoffgemischen für die Dekompression (siehe Bild).

Dekompression: Warum ist sie so wichtig?
Beim Tauchen nimmt das Körpergewebe Stickstoff aus der Atemluft auf. Je tiefer und länger der Tauchgang, desto mehr Stickstoff sammelt sich an. Beim Auftauchen sinkt der Druck und der Stickstoff muss langsam aus dem Körper abgegeben werden. Geschieht dies zu schnell, bilden sich Gasblasen im Blut, die zu schweren gesundheitlichen Problemen bis hin zu lebensgefährlichen Embolien führen können. Um dies zu vermeiden, werden Dekompressionsstopps eingelegt. So kann der Stickstoff kontrolliert aus dem Körper entweichen und die Taucherin oder der Taucher sicher an die Oberfläche zurückkehren. Beim Trimix-Tauchen geht nicht nur Stickstoff, sondern auch Helium in den Körper über. Um die Dekompressionszeit zu reduzieren, werden Dekompressionsflaschen mit hohem Sauerstoffanteil eingesetzt. Für das Standard-Gemisch TX 18/45 sind dies NX50 (50% Sauerstoff) und reiner Sauerstoff.
Intensive Vorbereitung und anspruchsvolle Prüfungen
Die Ausbildung zum Trimix-Taucher dauerte über ein Jahr und endete mit einer fordernden Prüfung. Neben theoretischen Kenntnissen zu Anatomie, Chemie, Tauchgangplanung und Materialkunde absolvierten die Teilnehmenden zahlreiche Trainingstauchgänge. Die Prüfungstauchgänge fanden sowohl im Vierwaldstättersee als auch im Mittelmeer vor Genua statt. Dort bot das Wrack der «Amoco Milford Haven» ideale Bedingungen für die Tests.

Neue Einsatzmöglichkeiten dank Spezialausbildung
Mit dem erworbenen Trimix-Brevet sind die Polizeitaucherinnen und Polizeitaucher nicht nur kantonsweit, sondern in der gesamten Ostschweiz gefragt. Ihr hoher Ausbildungsstandard macht sie zu anerkannten Expertinnen und Experten, die auch bei Tauchunfällen beratend zur Seite stehen. Die Kantonspolizei St.Gallen gehört zu einer Handvoll Polizeikorps der Schweiz, die über ein Tauchteam mit spezialisierter Trimix-Ausbildung verfügen.