Tour de Suisse – mittendrin

Mitte Juni war Bad Ragaz Start- und Zielort der diesjährigen Schweizer Landesrundfahrt. Erstmals in der Geschichte der Tour de Suisse wurden sämtliche Rennen der Frauen und der Männer jeweils am selben Tag ausgetragen. Für das Publikum attraktiv, für die Einsatzkräfte – darunter auch die Kantonspolizei St.Gallen – eine Herausforderung. Eine Reportage.

8 Uhr: Die Sonne brennt auf den Asphalt. Zahlreiche Männer und Frauen in roten T-Shirts mit der Aufschrift «Etappenort Bad Ragaz» eilen umher. «Bereits um 5 Uhr morgens haben wir damit begonnen, Absperrgitter auf den letzten 500 Metern der Strecke aufzustellen und die Werbetafeln daran zu befestigen», erzählt OK-Mitglied Peter Bolt, der als Leiter der Polizeistation Mels auch OK-Mitglied des Etappenorts ist. Ein rechter Lupf sei das gewesen. Überhaupt, die ganze Organisation. Langsam entsteht auf dem Postplatz beim Gemeindehaus auch die Fanzone mit verschiedenen Ständen von Sponsoren, östlich davon wird die Bühne aufgestellt – der Ort, an dem kurz vor dem Start die über 90 Fahrerinnen und rund 140 Fahrer präsentiert werden.

08.10 Uhr: Auf einer kleinen Wiese hinter dem Zielbogen, gleich beim Grand Hotel Bad Ragaz. Sicherheitsbriefing. Anwesend sind unter anderen der Tour-Direktor Oliver Senn, der sportliche Leiter David Loosli, der Leiter der Sicherheitseskorte Guido Sereinig sowie Reto Tschümperlin und Roland Rüegg von der Verkehrspolizei der Kantonspolizei St.Gallen. «Die Kantonspolizei ist für die heutige Tour-Etappe sehr wichtig», erzählt Rüegg. Die Tour de Suisse ist das grösste Radrennen der Welt, an dem die Strecke nicht ganztags gesperrt wird, sondern fortlaufend. «Wir fahren zuvorderst mit einem Patrouillenwagen und eröffnen damit das Rennen offiziell», so Rüegg weiter. Die Patrouille fährt ungefähr 10 Minuten vor der Spitze des Rennens. Nach dem Patrouillenwagen folgt das Spitzenfahrzeug der Tour – ein Auto mit grünen Ampeln und einem Lautsprecher auf dem Dach –  rund fünf Minuten vor der Spitze folgt das Fahrzeug des Sicherheitsdienstes, anschliessend 50 Motorräder, welche in zwei Hauptaufgabenfelder aufgeteilt sind: Einerseits die Tourpolizei mit Motorradfahrern aus diversen Polizeikorps und andererseits die Motorradfahrer der Sicherheitseskorte. Die Kantonspolizei St.Gallen ist bei der Tourpolizei mit einem Fahrer vertreten.

50 Motorräder stehen im Start-/Zielgelände in Bad Ragaz bereit.

Zurück zum Briefing: Dieses dauert rund zehn Minuten. Dabei geht es darum, die heiklen Punkte der Strecke nochmals anzusprechen, auch ein kurzer Rückblick auf die Etappe vom Vortag gehört dazu. Seitens Kantonspolizei St.Gallen seien alle gebrieft und bereit, versichert Rüegg. Rund 30 Polizistinnen und Polizisten stehen an diesem Tag an grossen Kreuzungen, Lichtsignalen und Autobahnausfahrten, um für die Sicherheit der Fahrerinnen und Fahrer zu sorgen. Zudem sind über 100 Armeeangehörige, private Sicherheitsdienste und lokale Feuerwehrleute im Einsatz, damit die temporären Streckensperrungen funktionieren und die Fahrerinnen und Fahrer sicher wieder im Ziel ankommen.

08.30 Uhr: Langsam kommt mehr Leben ins Dorf. Einheimische und Gäste schlendern durch die Strassen, in einem Kaffee sitzt eine Gruppe älterer Männer, auf dem Trottoir spazieren Mütter mit Kindern – diese haben an diesem Tag in Bad Ragaz schulfrei -, von der Bahnhofstrasse her nähern sich einige Rennvelofahrerinnen und -fahrer in Teamtrikots. Oben an der Kreuzung steht Bolt. Er schaut die Bahnhofstrasse hinunter und erzählt, dass hier gleich die ersten Mannschaftsbusse parkieren werden. Sagts – und schon fährt der Bus des Teams «Movistar» heran, dem Team der Schweizer Tour-Hoffnung Marlen Reusser, gefolgt von Teamfahrzeugen. Diese transportieren die Rennräder und begleiten die Teams im Rennen. Rund 500 Autos und Busse sind an der diesjährigen Tour dabei.

08.40 Uhr: Zwischen den Mannschaftsbussen und den Hauswänden fahren sich die Fahrerinnen auf der Rolle ein. Allesamt mit Eisbeuteln unter dem Trikot. Aktuell zeigt das Thermometer 25 Grad.

09:00 Uhr: Neutraler Start zum Frauenrennen, das Rennen wird erst ausserhalb von Bad Ragaz offiziell freigegeben. Die Strecke führt über den St. Luzisteig nach Balzers. Danach verläuft sie grösstenteils flach. Teile des Kurses führen entlang des Rheindamms in Richtung Altstätten, wo gewendet wird und die Rückfahrt nach Bad Ragaz beginnt.

12.00 Uhr: Ab jetzt werden die Mannschaftsbusse der Männer erwartet. In diesem Jahr bestreiten Stars wie Tadej Pogačar oder Mathieu van der Poel die Tour, Zuschauermagnet sind aber auch Schweizer Meister Mauro Schmid oder das Schweizer Team Tudor mit Marc Hirschi. Mittlerweile haben sich die Strassen gefüllt. Im Zielbereich warten hunderte von Zuschauerinnen und Zuschauern auf die Ankunft der Frauen. Andere haben sich bereits an der Bahnhofstrasse ein Schattenplätzchen gesucht, um die Ankunft der Mannschaftsbusse der Männer nicht zu verpassen. Der Helikopter am Himmel verrät: Das Feld der Frauen nähert sich dem Ziel. Gleichzeitig kommen die ersten Busse an der Bahnhofsstrasse an: Unverkennbar der rote Stier auf dem Bus des Teams «Red Bull – Bora – Hansgrohe», danach der gelbe Bus des Teams «Visma – Lease a Bike» und so weiter. Noch fehlt der «UAE Team Emirates»-Bus von Superstar Tadej Pogačar.

Unverkennbar: Der rote Stier auf dem Mannschaftsbus des Teams «Red Bull – Bora – Hansgrohe».

12.50 Uhr: Emsiges Treiben an der Bahnhofstrasse. Links und rechts sind Mannschaftsbusse und Teamfahrzeuge parkiert. Teammitglieder eilen umher, Helfer des Ok’s kontrollieren an den Checkpoints weiter unten die Fahrzeuge. Links und rechts der Bahnhofstrasse stehen Busse und Autos – noch fehlen aber einige Mannschaftsbusse. Wo die wohl noch einen Platz finden? Die Frage ist schnell beantwortet, Bolt ist zur Stelle. Er weist weitere Busse auf dem Bahnhofplatz ein – und endlich kommt auch der Teambus von Tadej Pogačar. Innert weniger Minuten stehen unzählige Menschen beim Mannschaftsbus und warten auf den slowenischen Superstar. «Ist er überhaupt im Bus?», fragt ein Fan in einem UAE-Shirt. Ein anderer spekuliert: «Vielleicht ist er sich bereits irgendwo anders am Einfahren». Ist er nicht: Konzentriert steigt er aus dem Bus, winkt den Fans zu und verteilt einige Autogramme, bevor auch er sich wie bereits die Frauen am Vormittag auf der Rolle einfährt.

Warten auf Superstar Tadej Pogačar.

13.30 Uhr: Start-/Zielgelände. Der Tourtross ist parat. Das Fahrzeug mit den grünen Ampeln und dem Lautsprecher auf dem Dach führt die Karawane an, danach folgt das schwarze Fahrzeug mit roten Ampeln auf dem Dach und einem gelben Aufkleber «Tour de Suisse – Streckensicherung». Das Dachfenster ist offen, Guido Sereinig steht im Fahrzeug und ragt zur Hälfte zum Dach hinaus, um den Hals eine Trillerpfeife, in der rechten Hand ein Schild – auf der einen Seite die Aufschrift «Stopp» – auf der anderen Seite ist das Schild gelb mit einem dicken schwarzen Rechteck. Dahinter folgen die 50 Motorräder.

14 Uhr: Der Start zum Männerrennen erfolgt. Gleich wie beim Frauenrennen wird der Start erst ausserhalb von Bad Ragaz offiziell freigegeben. Auf dem Beifahrersitz des Fahrzeug mit den roten Ampeln sitzt Patrick Knöpfel. Seine Aufgabe: Die Zuschauerinnen und Zuschauer am Streckenrand darauf aufmerksam machen, dass in wenigen Minuten das Fahrerfeld kommt und sie nun die Strasse nicht mehr überqueren dürfen. Gross und Klein, mit Flaggen, Fahrrädern und Transparenten stehen am Aufstieg zum St. Luzisteig, klatschen, jubeln, freuen sich.

14:15 Uhr: Nach der rasanten Abfahrt hinunter nach Balzers fährt der Renntross über die Rheinbrücke nach Trübbach. Zwei Polizisten der Kantonspolizei St.Gallen haben die Autobahnausfahrten gesperrt, es bildet sich ein Rückstau. Sobald der Tross vorbeigezogen ist, werden die Ausfahrten wieder freigegeben.

Fahrt über die Rheinbrücke. Polizisten der Kantonspolizei St.Gallen haben die Autobahnausfahrten gesperrt.

14:45 Uhr: Aufstieg von Gams in Richtung Wildhaus. Zahlreiche Fahrzeuge stehen in entgegengesetzter Richtung auf der Strasse, darunter auch ein Lastwagen und ein Postauto. Bis die Fahrer hier in etwa fünf Minuten vorbeifahren, müssen sie weg sein. Über Funk erreicht Knöpfel den Leiter der Sicherheitseskorte, Guido Sereinig. Dieser erteilt den Motorradfahrern Anweisungen. Genau, um solche Situationen im laufenden Rennbetrieb zu entschärfen, sind sie dabei. Ein Motorrad hält an, erteilt den Autofahrern Anweisungen, weist den Bus und den Lastwagen auf eine seitliche Ausweichstelle. Situation entschärft. Es ist nicht die letzte an diesem Tag.

15:40: Kurz vor der Passhöhe Schwägalp säumen zahlreiche Fans die Strasse, klatschen, wollen möglichst nahe an die Fahrer herankommen. Knöpfel wünscht ihnen über das Mikrofon eine gute Tour de Suisse und bittet sie zugleich, die Fahrer im Anstieg nicht zu behindern und an den Strassenrand zurückzugehen.

15.45: Durchfahrt Urnäsch. Das Feld ist in die Länge gezogen. Schon kurz nach dem Start hat sich eine Spitzengruppe abgesetzt. Zwei Minuten später kommen erste Verfolger, über vier Minuten später das Hauptfeld. Eine Herausforderung für Sereinig, der stehend aus dem Fahrzeug hinaus die Motorradfahrer disponiert, um einmal mehr brenzlige Situationen zu entschärfen. «Wenn das Rennen so in die Länge gezogen ist, muss die Sperre relativ lange aufrechterhalten werden», sagt er. Das wiederum bedeutet, dass zeitweise sämtliche Motorradfahrer im Einsatz und nicht für neue Situationen verfügbar sind. Im Auto selbst sind praktisch ununterbrochen verschiedene Funkdurchsagen zu hören – auf englisch und französisch.

17:05: Rüthi. Es regnet in Strömen, blitzt über den Liechtensteiner Alpen, donnert. Sereinig steht immer noch im Fahrzeug, er zieht sich eine Regenjacke und einen Motorradhelm über, ist am Funk. Das Rennen ist immer noch in die Länge gezogen. An einer Kreuzung händigt er einem freiwilligen Helfer der Feuerwehr eine Trillerpfeife aus und weist ihn an, diese zu benützen und die Fahrer in die richtige Richtung zu weisen, wenn sie kommen. «Nur wenn sie Pfiffe hören, schauen sie nach vorne und erkennen ein Hindernis. Ansonsten haben sie den Kopf gesenkt», erklärt er.

17.30: In Sargans sind die Strassen bereits wieder abgetrocknet. Das Ziel in Bad Ragaz kommt näher. Es sei schon anstrengend, zwei Rennen an einem Tag, sagt Sereinig. Zweimal volle Konzentration. Zweimal eine enorme Verantwortung. Zweimal hoffen, dass alles gut geht.

17.40: Hunderte von Zuschauerinnen und Zuschauer jubeln auf den letzten hundert Metern des Rennens in Bad Ragaz. Sie warten gespannt auf die Fahrer. Diese überqueren etwa fünf Minuten nach dem Sicherheitstross die Ziellinie. Den Sprint gewinnt der Ecuadorianer Jhonathan Narvâez vom Team UAE. Kurz darauf fährt Tadej Pogačar hinter der Ziellinie zum Sieger, gratuliert ihm und dem Team. Die Motorräder sind bereits wieder aufgereiht – auch für sie war der Tag erfolgreich. Sereinig gratuliert ihnen zu einem sicheren und unfallfreien Rennen – in Gedanken ist er bereits bei der nächsten Etappe. Für die Polizistinnen und Polizisten der Kantonspolizei St.Gallen geht ein langer Einsatz an der Tour de Suisse zu Ende. Vorerst.



Theme Options

Header Type

  • Normal
  • Big

Header Top Menu

  • Yes
  • No

Page Transitions

  • No animation
  • Up/Down
  • Fade
  • Up/Down (In) / Fade (Out)
  • Left/Right

Boxed Layout

  • Yes
  • No

Choose Background

  • Background 1
  • Background 2
  • Background 3

Choose Pattern

  • Retina Wood
  • Retina Wood Grey
  • Transparent
  • Cubes
  • Diamond
  • Escheresque
  • Whitediamond

Colors

  • Blue
  • Red
  • Green
  • Yellow
  • Purple
  • Pink