Zu Besuch bei Emil Näf, Stellvertretender Leiter Gefängnis St.Gallen

Empathie, Teamgeist und respektvoller Umgang mit inhaftierten Personen sind im Gefängnisalltag unerlässlich. Emil Näf, stellvertretender Leiter des Gefängnisses St.Gallen, gibt Einblicke in seinen Arbeitsalltag und erzählt, was ihn an seiner abwechslungsreichen Arbeit fasziniert und motiviert.

Im Kanton St.Gallen gibt es sowohl Polizeigefängnisse als auch Gefängnisse, die dem Amt für Justizvollzug unterstehen. Die Kantonspolizei betreibt in Gossau und Flums je ein Polizeigefängnis sowie in St.Gallen das Kantonale Gefängnis im Klosterhof und das Gefängnis an der Neugasse.

Mein Arbeitsalltag ist sehr vielfältig. Neben Projekten, der Buchhaltung und Qualitätskontrollen bin ich auch direkt in die Betreuung der inhaftierten Personen eingebunden. Zudem übernehme ich die Leitung des Gefängnisses, wenn mein Vorgesetzter abwesend ist.

Empathie, Teamfähigkeit, sprachliche Kompetenz und eine gewisse Dynamik sind essenziell. Man muss mit unterschiedlichen Menschen umgehen können und immer flexibel bleiben.

Ich schätze die Abwechslung sehr: Einerseits stehe ich im direkten Kontakt mit den inhaftierten Personen, andererseits habe ich Führungsverantwortung im administrativen Bereich. Diese Kombination bringt mich persönlich weiter.

Wir setzen auf sogenannte «dynamische Sicherheit». Das heisst: Der persönliche Kontakt zu den inhaftierten Personen steht im Zentrum. Durch aktive Kommunikation – verbal und nonverbal – erkennen wir frühzeitig, wenn sich bei jemandem das Verhalten verändert. Wir begegnen den inhaftierten Personen stets respektvoll auf Augenhöhe. Das schafft ein gutes Klima, auch wenn es in Einzelfällen herausfordernd sein kann.

In der Regel sehr gut. Die meisten inhaftierten Personen wissen, weshalb sie hier sind, und verhalten sich entsprechend. Ein fairer und respektvoller Umgang ist dabei unerlässlich. Gerade bei psychisch auffälligen Personen stossen wir jedoch an Grenzen. Um diese Fälle gut begleiten zu können, arbeiten wir eng mit einer Ärztin, wenn vorhanden mit Psychiatern, Gesundheitsdienst und Seelsorgenden zusammen.

Wir haben kleine, aber wichtige Massnahmen eingeführt: Black Rolls, Spiele, Malsachen oder die Möglichkeit, in Doppel- beziehungsweise Einzelzellen mit Verbindungstür untergebracht zu werden, um soziale Kontakte zu fördern. Medizinische und psychologische Betreuung sowie Seelsorge sind ebenfalls fest integriert.

Die kulturelle und sprachliche Vielfalt ist gross und macht die Arbeit spannend, manchmal auch anspruchsvoll. Ich selbst spreche Englisch und Französisch, was im Umgang mit Personen aus Nordafrika hilfreich ist. Besonders wichtig ist aber Italienisch, da viele Personen aus dem Balkan und Afrika diese Sprache sprechen.

Früher erlebte ich während der Arbeit als Polizist öfters schwierige und konfliktreiche Situationen. Im Gefängnisalltag ist dies hingegen eher die Ausnahme. Meistens sind es psychisch angeschlagene Personen, welche Probleme verursachen. Einmal hat eine inhaftierte Person versucht, mich mit heissem Wasser zu übergiessen. Im Anschluss hat er mich bedroht und verbal beleidigt. Dies, obwohl ich – aus meiner Sicht – nichts Falsches gemacht habe. Solche Erlebnisse darf man nicht persönlich nehmen und muss professionell damit umgehen.

Nein, die inhaftierten Personen haben untereinander selten körperliche oder verbale Auseinandersetzungen. Sie bilden hier eine Zweckgemeinschaft und teilen ein ähnliches Schicksal. Daher ist der Austausch zwischen ihnen mehrheitlich gut.

Unser Team ist erfahren und gut eingespielt. Wichtig ist, dass wir im Ernstfall alle zusammenhalten. Das schätze ich sehr. Wie bei der Frontpolizei kennt man die Stärken und Schwächen der Kolleginnen und Kollegen genau.

Die meisten wissen, dass ich bei der Polizei arbeite. Daher war der Schritt ins Gefängnis nicht mehr so speziell. Viele Leute wissen nicht allzu viel über das Gefängnis und sind daher sehr an diesem Thema interessiert.

Häufig heisst es, inhaftierte Personen hätten es in der Zelle bequem: Essen, TV, Radio, keine Arbeit. Dabei ist die grösste Einschränkung die fehlende Freiheit. Wer schon einmal mehrere Tage krank im Bett lag, kennt das Gefühl. Im Gefängnis ist das jedoch Alltag. Zudem verfolgt unser Strafvollzug nicht nur das Ziel der Bestrafung, sondern auch der Resozialisierung.