Menschlichkeit

Die Kriegswirren hatten begonnen und das Nazi-Regime die Macht in Deutschland ergriffen. Österreich war dem Deutschen Reich eingegliedert worden. Polizeikommandant Hauptmann Paul Grüninger widersetzte sich der Anordnung Berns, die Grenzen im St.Galler Rheintal für Jüdinnen und Juden zu schliessen. Er sorgte insbesondere dafür, dass sie passieren konnten und traf diverse Massnahmen, da für ihn die Menschlichkeit an erster Stelle stand. Unter anderem datierte er Einreisevisa vor und fälschte andere Dokumente, um die Einreise in die Schweiz zu ermöglichen. Trotz schweizerischer Grenzsperre nahm er die Menschen in St.Gallen auf, missachtete die Weisungen des Bundes und übertrat auch Gesetze, um die Flüchtlinge zu schützen. Durch all das rettete er wohl tausende jüdische Flüchtlinge vor der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung.

Im Frühjahr 1939 wurde Paul Grüninger vom Dienst suspendiert und seine Ansprüche auf Pension aberkannt. Er wurde wegen seinen Handlungen gerichtlich verurteilt. Grüningers Tochter Ruth musste die Handelsschule in Lausanne abbrechen, kehrte zur Familie zurück und musste sich eine Stelle suchen. Paul Grüninger lebte fortan von Gelegenheitsarbeiten und als Aushilfslehrer. Er fand nie wieder eine feste Anstellung.

Im September 1971 wurde Paul Grüninger vom Staat Israel als «Gerechter unter den Völkern» ausgezeichnet. Die Auszeichnung wurde ihm ein halbes Jahr vor seinem Tod überreicht.

1972 starb er in armen Verhältnissen. Kurz zuvor äusserte er in einem Interview, dass er alles nochmals gleich handhaben würde. Viele Jahre nach seinem Tod wurde Paul Grüninger im Jahr 1993 durch die St.Galler Regierung politisch rehabilitiert. 1994 hat der Schweizerische Bundesrat eine Ehrenerklärung für Paul Grüninger veröffentlicht. 1995 hat das Bezirksgericht St.Gallen Hauptmann Paul Grüninger mit der Wiederaufnahme seines Prozesses und mit einem Freispruch juristisch rehabilitiert. 1998 stimmte der Grosse Rat des Kantons St.Gallen einer materiellen Wiedergutmachung zu und entschädigte die Nachkommen Paul Grüningers. Der ganze Betrag wurde von diesen in die Paul Grüninger Stiftung eingebracht.

Aufnahme von Hauptmann Paul Grüninger
1971 ehrte der Staat Israel Paul Grüninger als «Gerechter unter den Völkern». Die berühmte «Yad Vashem» Medaille (links silberfarben) wurde ihm zu Lebzeiten überreicht. Diese Ehre wurde ihm somit noch persönlich zuteil. Rechts (golden) die Medaille des Bundesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden Österreichs als Würdigung seines Handelns. Beide Medaillen sowie weitere Gegenstände Grüningers sind im Kriminalmuseum der Kantonspolizei St.Gallen ausgestellt.