The mission – the men – me: Die Interventionseinheit der Kantonspolizei St.Gallen

Die Interventionseinheit der Kantonspolizei St.Gallen ist seit 2023 eine Vollamt-Einheit. Das bedeutet: Lange Übungen, endloses Training und ein knallhartes Auswahlverfahren.

Nach knapp zwei Stunden ist der Auftrag vorerst erfüllt. Die Anlage, bestehend aus mehreren Betonhäusern, ist durchkämmt, die zwei Angreifer sind neutralisiert. Zuvor hatten sie sich in den Häusern verschanzt und mit Waffen um sich geschossen. Auf dem fiktiven Übungsgelände in der Nähe von St. Gallen liegt an diesem kühlen Morgen noch immer Schnee. Vor wenigen Minuten waren Schüsse zu hören, Menschen rannten durch das Gelände, Befehle hallten durch die Häuser. Jetzt ist es ruhig. Die Interventionseinheit der Kantonspolizei St. Gallen hat soeben eine fiktive LebEL – eine lebensbedrohliche Einsatzlage – trainiert.

Von der Miliz- zur vollamtlichen Einheit

 Die Einheit besteht aus speziell ausgebildeten Angehörigen für Situationen mit erhöhtem Gefahrenpotenzial. Seit Januar 2023 ist sie als Vollamt-Einheit organisiert und nicht mehr im Miliz-System. Früher versahen die Angehörigen ihren Dienst auf Polizeistationen, im Ermittlungsdienst oder im Schichtbetrieb und wurden bei besonderen Lagen zusätzlich aufgeboten. Mit der Umstellung auf eine Vollzeiteinheit ist nun sichergestellt, dass sie noch besser auf gefährliche Einsatzlagen vorbereitet sind. Die Ausrückzeiten haben sich verkürzt, und lange Absenzen vom regulären Arbeitsplatz für Trainings gehören der Vergangenheit an. Stattdessen bleibt ausreichend Zeit für das Training der Grundfertigkeiten – Schiessen, Sport, Selbstverteidigung – und für das Einüben von Standards im Team sowie für spezialisierte Trainings. Kurz gesagt: trainieren, trainieren, trainieren.

Immer auf Abruf

Die Interventionseinheit steht jederzeit bereit – auf Pikett, wie es intern heisst. Deshalb sind an diesem Wintermorgen auf dem Übungsgelände nicht nur Übungswaffen mit Plastikmunition dabei, sondern auch scharfe Waffen. Ein Team muss jederzeit einsatzbereit sein, um im Ernstfall sofort auszurücken. Zeit, erst zur Teamzentrale zurückzufahren oder sich umzuziehen, bleibt dann keine. Die interne Vorgabe lautet: 15 Minuten Ausrückzeit, zu jeder Tageszeit und Nachtzeit. Entsprechend führen sie ihr Material doppelt mit – einmal für die Übung, einmal für den Ernstfall.

Einen solchen gibt es heute nicht, es bleibt bei der Übung. Diese ist bereits genug anspruchsvoll, nicht nur wegen des Übungsszenarios, in welchem zwei bewaffnete Angreifer inmitten verschiedener Häuser aufgespürt und gestoppt werden müssen. In der Mitte der Übung müssen die beiden Nebenstrassen, die in der Nähe zum Übungsgelände verlaufen, kurz gesperrt werden. Es steht die Sprengung einer Tür bevor. Nach einem Knall, der durch Mark und Bein geht und bis in die Stadt zu hören ist, steht die Türe zwar noch in den Angeln, aber das Schloss ist praktisch verschwunden und leistet keinen grossen Widerstand mehr, als die Interventionisten in den Raum eindringen. Hier ist höchste Konzentration gefordert, auch im Training kann ein Fehler fatal sein.

Struktur im Chaos

Die Gruppen rücken weiter vor und arbeiten in zwei Phasen: zuerst täterbezogen, danach opferbezogen. Heisst: Die Eliminierung der Gefahr hat oberste Priorität. Erst wenn die Chaosphase vorbei ist, folgen Struktur und Systematik. Jeder Raum wird überprüft, jeder Winkel gescannt. Über Funk meldet jemand einen verdächtigen Gegenstand. Ein sogenannter Erstabklärer – speziell ausgebildet für solche Situationen – nimmt ihn unter die Lupe. Entwarnung. Die Gruppe kann weiter vorrücken.

Zu den Aufgaben der Interventionseinheit zählen neben solchen Interventionen auch Zugriffsaktionen, Personenschutz, Transportschutz, Türöffnungen oder Beratungen. Einsätze können geplant oder spontan erfolgen. Vorgehen, Ausrüstung und Vorbereitung richten sich stets nach der Lage. In der Fachsprache heisst das: Bedrohung und Einsatzraum ergeben das Einsatzkonzept – und dieses wiederum die geforderten taktischen Leistungen.

«the mission – the men – me»

Für diese Aufgaben müssen die Angehörigen sowohl körperlich als auch technisch auf einem hohen Niveau sein. Entsprechend streng ist das Auswahlverfahren. Voraussetzung ist eine abgeschlossene Polizeiausbildung oder eine gleichwertige Ausbildung im Sicherheitsbereich, etwa beim Berufsmilitär, in der Armee oder beim Bundesamt für Zoll- und Grenzschutz. Nach einer eintägigen Vorselektion folgt eine Selektionswoche mit zahlreichen physischen und psychischen Prüfungen. Wer die Anforderungen nicht erfüllt, scheidet ebenso aus wie jene, die sich mit der Rangordnung «the mission – the men – me» nicht identifizieren können.

Mehr zu den Anforderungen und zum Ablauf der sportlichen Selektion ist in diesem Video zu sehen: Anleitungsvideo Sport- und Reaktionstest Interventionseinheit Kantonspolizei St.Gallen.

Sonny, ein Angehöriger der Interventionseinheit, erzählt hier von seinem Alltag und seiner Arbeit: Sonny, Polizist Interventionseinheit – Da wenn’s draufankommt

«Haus 2 clear. Steht die Sicherung im Keller noch?» Im Obergeschoss braucht die Gruppe Unterstützung. Der Einsatzleiter fragt beim Übungsleiter nach dem weiteren Vorgehen. Für ihn ist die Übung besonders anspruchsvoll: Er befindet sich in der Ausbildung zum Einsatzleiter und muss heute beweisen, dass er dieser Aufgabe gewachsen ist. Er erhält einen neuen Auftrag und gibt ihn per Funk weiter. Standardlösungen gibt es nicht – das Einsatzverfahren kann jederzeit angepasst werden.

Erfahrung und ein gutes Gesamtpaket zählen

Für diese Flexibilität braucht es nicht nur intensives Training, sondern auch Erfahrung. In der Interventionseinheit finden sich zwischen einem und 18 Dienstjahren, das älteste Mitglied ist 50 Jahre alt. Dass Sport und Schweiss im Alltag eine Rolle spielen, sieht man den Angehörigen an. Doch den klassischen Stereotypen à la Dwayne «The Rock» Johnson sucht man vergeblich. In Zivilkleidern würde man sie vermutlich als eine Gruppe gut gelaunter Profisportler ausserhalb des Trainings sehen. Entscheidend ist das Gesamtpaket: körperliche Fitness, mentale Stärke und kognitive Leistungsfähigkeit. Informationen aufnehmen, verarbeiten und richtig handeln – das ist im Einsatz mindestens genauso wichtig wie schnelles Treppensteigen. Nicht umsonst werden bereits in der Selektion die kognitiven Fähigkeiten genau geprüft.

Zurück auf dem Gelände: Olivgrün gekleidete Männer mit Helmen und Waffen stehen zusammen und hören dem Übungsleiter zu. Er erteilt Folgeaufträge, gibt Anweisungen und auch das Mittagessen wird besprochen. Hunger haben schliesslich alle. Ein Hauch von Normalität inmitten der Unberechenbarkeit muss sein. Danach wird schweres Material in noch schwerere Fahrzeuge verladen. Nächster Treffpunkt: der Bereitschaftsraum. Die Übung dauert noch mehrere Tage und erstreckt sich bis in die Nacht. Ganz zum Schluss wird ein ausführliches Debriefing folgen, mit Lob, Kritik und ganz im Sinne von: The mission – the men – me.