Zu Besuch bei Patrick Lehmann, Leiter Einsatztraining
Wie schwierig ist der Weg zum Einsatztrainer und wieso ist es manchmal am besten, mit dem Schlimmsten zu rechnen und auf das Beste zu hoffen? Patrick Lehmann, Leiter der Abteilung Einsatztraining, erklärt es uns.
Patrick, wofür ist eure Abteilung zuständig?
Patrick Lehmann: Wir vermitteln unseren Polizistinnen und Polizisten die zentralen Einsatzkompetenzen im Rahmen von mehrmals jährlich stattfindenden Weiterbildungstagen. Dies umfasst nicht nur das Schiessen, die persönliche Sicherheit und den Umgang mit dem Destabilisierungsgerät, sondern auch taktisches Verhalten und lebensrettende Erste Hilfe, speziell in Form der taktischen Einsatzmedizin.
Ein weiterer grosser Bereich liegt in der Mitgestaltung von Ausbildungsblöcken an der Polizeischule Ostschweiz. Auch dort bringen wir den Polizistinnen und Polizisten in Ausbildung die einsatztaktischen Grundlagen bei und tragen so aktiv zur Ausbildung der nächsten Generation bei. Allein in diesem Jahr investieren wir dafür rund 100 Tage.
Darüber hinaus planen wir Einsätze des Ordnungsdienstes (OD) und setzen diese in unserer Funktion als Zugführer direkt um. Zusätzlich verantworten wir die gesamte OD-Ausbildung des Korps, inklusive des OD-Kaderkurses, und wirken in der Evaluation des Korpsmaterials mit, ein Bereich, der laufend Anpassung und Weitsicht verlangt.
Und dann wäre da noch das tägliche Geschäft: Es gilt, Kontakte zu anderen Korps zu pflegen, externe Anfragen zu beantworten, Lektionen zu entwickeln, Material zu retablieren und vieles mehr. Kurz: Unsere Aufgaben sind vielseitig, herausfordernd und genau deshalb so spannend.

Das klingt nach vielen Aufgaben, zumal eure Abteilung erst im Juli 2019 gegründet wurde. Wieso hat man sich so spät für die Gründung entschieden?
Patrick Lehmann: Man hat erkannt, dass die praktische Aus- und Weiterbildung unserer Mitarbeitenden weit mehr ist als ein Pflichtprogramm: sie ist ein entscheidender Erfolgsfaktor. Denn wer gut ausgebildet ist, arbeitet nicht nur effizienter, sondern trifft in komplexen Lagen auch die besseren Entscheidungen. Gerade in einer Welt, die sich ständig verändert, ist die kontinuierliche Professionalisierung, auch bei der Polizei, unumgänglich. Zum Glück hat dieser Kulturwandel in unserem Korps längst Fuss gefasst. Gleichzeitig war es notwendig, unsere Interventionseinheit (IE) gezielt zu entlasten. Die korpsinterne Ausbildung fiel früher in deren Zuständigkeit. Jetzt kann sich auch die IE stärker auf ihre Weiterentwicklung und Spezialisierung konzentrieren.
Würdest du sagen, dass eure Abteilung nötig wurde, weil der Polizeiberuf gefährlicher wird?
Patrick Lehmann: Unser Ziel ist es, Mitarbeitende so auszubilden, dass sie auch unter Druck die richtigen Entscheidungen treffen und sicher handeln können. Es ist leider Realität, dass uns nicht alle wohlgesinnt sind. Genau darauf wollen wir vorbereitet sein. Die Einsätze sind in den letzten Jahren spürbar komplexer geworden. Wir sehen nicht nur eine generelle Zunahme von Gewalt, sondern auch gezielte Gewalt gegen Einsatzkräfte von Blaulichtorganisationen. Dieser Entwicklung tragen wir in unserer Ausbildung Rechnung.
Wo finden die Trainings statt und woher wisst ihr, wo Auffrischungsbedarf besteht?
Patrick Lehmann: Wir führen unsere Trainings im Grossraum Gossau durch, hauptsächlich in Räumlichkeiten des Kantons St.Gallen. Für das Schiesstraining nutzen wir unter anderem Schiessplätze der Armee. Wo Auffrischungsbedarf besteht, erkennen wir durch Beobachtungen während der Ausbildung oder anhand von Entwicklungen in der Lagebeurteilung. So wissen wir genau, welche Themen aktuell sind und wo wir gezielt ansetzen müssen.
Wer bestimmt, welche Vorgaben die Weiterbildungen erfüllen müssen?
Patrick Lehmann: Die Standards für unsere Ausbildung werden vom Schweizerischen Polizei-Institut (SPI) festgelegt. Wer sich Einsatztrainer nennen will, muss eine intensive Ausbildung durchlaufen, die zwei bis drei Jahre dauert. Der lange Zeitraum ergibt sich unter anderem aus der Blockstruktur der Kurse und den Wartezeiten, denn Korps aus der ganzen Schweiz schicken ihre Ausbildner ans SPI.
Die Ausbildung ist anspruchsvoll und in Module gegliedert. Den Einstieg macht der methodisch-didaktische Kurs, in dem vermittelt wird, wie man unterrichtet. Es folgen Trainings mit dem Destabilisierungsgerät und der Schiesskurs. Hier ist sicheres, präzises Schiessen ebenso wichtig wie eine gewisse Affinität zur Thematik.
Am intensivsten ist das Modul «persönliche Sicherheit». Zwei Tests und drei Wochen Training fordern die Teilnehmenden, körperlich wie mental. Doch genau das hilft später, in kritischen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren.
Den Abschluss bildet die taktische Ausbildung. Erst wer alle Module erfolgreich absolviert hat, darf sich Einsatztrainer nennen. Danach stehen weiterführende Kurse zur Vertiefung offen, denn Lernen hört auch bei uns nie auf.
Was sind deine Aufgaben als Abteilungsleiter?
Patrick Lehmann: Als Abteilungsleiter Einsatztraining bin ich für die fachliche und organisatorische Führung meines Teams verantwortlich. Zu meinen Hauptaufgaben gehört die Planung, Durchführung und Weiterentwicklung der Aus- und Weiterbildungen unserer Polizistinnen und Polizisten, von der Grundausbildung bis hin zu Spezialtrainings wie dem Umgang mit dem Destabilisierungsgerät, Taktik, Schiessen oder der persönlichen Sicherheit.
Ich koordiniere die Einsätze im Ordnungsdienst (OD), führe Schulungen an der Polizeischule Ostschweiz durch, begleite Kaderausbildungen und übernehme die operative Leitung bei bestimmten Projekten. Gleichzeitig bin ich auch Ansprechperson für andere Korps, beantworte externe Anfragen, evaluiere Material, entwickle neue Ausbildungsinhalte und sorge dafür, dass die Trainings den Qualitätsansprüchen entsprechen.
Welche Erlebnisse bleiben dir in Erinnerung und was gefällt dir an deiner Aufgabe besonders?
Patrick Lehmann: Besonders in Erinnerung bleiben mir Projekte, die über unsere Abteilung hinaus Wirkung gezeigt haben, also Entwicklungen, die spürbaren Einfluss auf die gesamte Kantonspolizei St.Gallen hatten und weiterhin haben. Dazu gehören beispielsweise neue Ausbildungsformate, die wir aufgebaut und erfolgreich eingeführt haben, oder die Mitwirkung an Konzepten, die heute in der Praxis breit angewendet werden.
Solche Momente zeigen, dass unsere Arbeit mehr ist als nur Tagesgeschäft. Sie bewegt etwas. Was mir an meiner Aufgabe besonders gefällt, ist genau dieser Gestaltungsspielraum: Ideen einbringen, Entwicklungen anstossen und gleichzeitig im Austausch mit den Leuten bleiben, die das Ganze umsetzen. Die Mischung aus strategischem Denken und praktischem Handwerk macht den Reiz aus und sorgt dafür, dass es nie langweilig wird.